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Quantitativer Irrtum

So reich waren wir nie wie heute –

so habgierig aber waren wir auch nie wie heute.

 

So viele Kleider hatten wir nie wie heute –

so ausgezogen, so nackt aber, waren wir auch nie wie heute.

 

So satt waren wir nie wie heute –

so unersättlich aber waren wir auch noch nie wie heute.

 

So schöne Häuser hatten wir nie wie heute –

so unbehaust, so heimatlos aber waren wir nie wie heute.

 

So versichert waren wir nie wie heute –

so unsicher aber waren wir nie wie heute.

 

So weit gereist waren wir nie wie heute –

so eng aber war für uns das Land nie wie heute.

 

So viel Zeit hatten wir nie wie heute –

so gelangweilt aber waren wir auch nie wie heute.

 

So viel wissend waren wir nie wie heute –

so sehr die Übersicht verloren haben wir nie wie heute.

 

So viel gesehen haben wir nie wie heute –

so blind aber waren wir nie wie heute.

 

So viel Licht hatten wir nie wie heute –

so dunkel aber war es nie wie heute.

 

So risikolos haben wir nie gelebt wie heute –

so isoliert aber waren die Menschen nie wie heute.

 

So eng aufeinander haben die Menschen nie gelebt wie heute –

so weit voneinander entfernt aber waren die Menschen nie wie heute.

 

So hoch entwickelt waren wir nie wie heute –

so sehr am Ende aber waren wir nie wie heute.

 

Wilhelm Willms, in: Jugend und Gott, A. Pareira / K. Balberg (Hrsg) Butzon&Bercker 1994.

 

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